Das Gesicht des Wandels

Flüchtlingsströme und Veränderung

Wir bekommen eine neue Mitbewohnerin. Zwei von unserer Gründungsgruppe haben uns verlassen, im Oktober kommt Barbara zu uns. Sie hat uns alle stark inspiriert und wir werden neue, spannende Seiten im Buch unseres Gemeinschaftsprojekts aufschlagen und miteinander füllen.

Bevor klar war, dass sie zu uns kommt, hatten wir auch über die Aufnahme von Flüchtlingen nachgedacht, die gerade in immer größerer Zahl auch in unseren Landkreis kommen.

Heute morgen ging eine Mail über den Netzwerkäther, es werden bereits heute um die 500 Flüchtlinge erwartet, die über Ungarn geflohen sind und in Bussen aus Süddeutschland hierhergebracht wurden. Gegen 12 Uhr trafen sich etwa 150–200 Menschen, vom Kleinkind bis zum Opa, auf dem Parkplatz neben der Polizeikaserne und zogen dann singend und trommelnd, mit Sonnenblumen, Luftballons und Willkommens-Schildern hinüber zur Notunterkuft. Empfangen wurden wir von locker aufgestellten Absperrungszäunen und einem Polizisten, der uns erklärte, dass sie sich gerade bemühten, die seit der Nacht eingetroffenen und erschöpften Menschen möglichst reibungslos und schnell zu registrieren und mit dem Nötigsten zu versorgen und um Verständnis bat, dass sie die geballte Hilfsbereitschaft nicht mal eben in ihre Strukturen integrieren könnten. Das ist Deutschland – effektiv durchorganisiert in einem geschmierten System. Er versäumte nicht, auch ein paar warme Worte für unsere herzliche Willkommensgeste zu äußern. Die Polizisten, obwohl auch hier wieder stark beansprucht, dürften sich in ihrer aktuellen Aufgabe weit wohler fühlen als während der Castor-Transporte.

Wir dekorierten die eisernen Zäune mit den Blumen, Luftballons und Willkommensgrüßen. Die Polizei nahm Kontaktdaten von Ärzten, Heilpraktikern und Übersetzern auf für gezielte Mithilfe. Eine Flüchtlingsfamilie, offenbar gerade registriert, zog mit Sack und Pack hinüber zu den Containern. Sie strahlten zu uns herüber, winkten, wir jubelten zur Begrüßung. Ankunft in Deutschland. In einem sicheren Land, in einem neuen Leben.

Bereits in den letzten Wochen hatten wir Kontakt zu einem Flüchtling aus Liberia, der seit fünf Monaten in unserer Nähe untergebracht ist. Er sprach bereits ein paar Brocken deutsch, aber es wurde deutlich, wie schwer es ist für die Menschen, sich diese vollkommen neue und fremde Sprache anzueignen. Auf englisch berichtete er von den erlebten Gräueln in seinem Heimatland. Von der Zerstörung von Gebäuden im Alltag, von kaltblütigen Räuberbanden und unter Drogen gesetzten Kindersoldaten. Er selbst wurde durchgeprügelt, weil er der Sohn eines Oppositionspolitikers ist – der bei einem Motorradunfall starb, weil ihn keiner rechtzeitig fand oder versorgte. „Africa is crazy“, so sein deprimiertes Fazit. Menschen quälen und morden andere aus Rache, für ein wenig Genugtuung oder um eine Uhr, ein Handy oder ein paar Penunzen zu erbeuten. Er selbst möchte irgendwann das Land seiner Familie als Bauer bewirtschaften. Ob das möglich sein wird, steht in den Sternen.

Der Landkreis vibriert gerade vor Aktivitäten allerorten, die sich um die Unterstützung der Flüchtlinge bemühen. Die Initiative „Zuflucht Wendland“ hat die Kampagne „10.001 neue WendInnen“ ins Leben gerufen. Wachsende Teile der Bevölkerung sehen die Zuwanderung als Chance für unseren bislang schrumpfenden Landkreis. Und es scheint, als ob derzeit die meisten Menschen in Deutschland die neuen Mitbürger eher als Chance denn als Gefahr begreifen. Die vielen Menschen, die zu uns strömen, wollen ein Leben, das sich zu leben lohnt. Sie haben die Nase voll von sinnloser Zerstörung. Sie wollen ihre Chance ergreifen, etwas für sich selbst und mit anderen zusammen aufbauen. Sie wollen eine lebenswerte Perspektive für ihre Kinder. Und sie sind bereit, für all das die Ärmel aufzukrempeln.

„Deutschland ist ein freies Land!“ ist ein Satz, der immer wieder zu hören ist. Über all dem Verdruss über unsere Alltagspolitik haben wir den Wert dieser Tatsache fast vergessen. Die Flüchtenden, für die Deutschland das gelobte Land ist, bieten uns Gelegenheit, wieder neu hinzuschauen, was dies bedeutet.

Die neuen Mitbürger werden unser Land verändern, gemeinsam mit uns, wenn wir das wollen. Und wir werden viel lernen müssen – nicht nur die Neuankömmlinge.

Lernen, genau zuzuhören und zu verstehen.

Lernen, wirklich zu teilen, nicht nur Abnehmer für unseren Ballast zu suchen.

Lernen zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

Lernen zusammenzuarbeiten – für eine Welt, die wir uns wünschen.

Die Veränderung, die uns abverlangt wird, wird jede Menge Kraft und Mut kosten. Den Mut, eigene Positionen, Gewohnheiten und Strukturen zu hinterfragen und neu zu denken, neu zu handeln. Die Menschen, die zu uns kommen, beginnen, eine Aufbruchstimmung unter uns zu erzeugen. Jahre und Jahrzehnte politischer Versuche, auf existenzielle Veränderungen zu reagieren, brachten bisher ernüchternde bis deprimierende Ergebnisse. Gigantische Klimakonferenzen produzierten wohl mehr CO2-Ausstoß als sie verhindern halfen. Militärische Niederschlagung unerwünschter Despoten produzierten Bürgerkriege und neue Schreckensherrschaften. Unsummen, die für die sogenannte Rettung von Griechenland verschoben wurden, retteten bisher vor allem die Banken.

Die technokratische Fratze der Veränderung erhält mit den Flüchtlingen ein neues, menschliches Gesicht. Die Bilder von den strahlenden Menschen, die mit solcher Wärme und Hilfsbereitschaft empfangen werden, wecken ein tiefes Kribbeln in meinem Bauch. Wir haben die Chance auf eine wirkliche Veränderung. Die anfängt bei mir und bei dir. Und die, wenn wir genug sind, die Kraft hat, alles zu verändern. Unser Zusammenleben, unsere Art des Wirtschaftens, unsere Politik.

Darauf freue ich mich. Unbändig.

Wir haben selbst eine Initiative gestartet, um Einheimische und Flüchtlinge zusammenzubringen und etwas zur Verbesserung ihrer Lage beizutragen. Wir wollen im ganzen Landkreis in jeweils lokalen Erntegruppen freie Obstbäume am Wegrand oder gespendete Bäume in privaten Gärten beernten und daraus Saft machen, der dann mit einem eigenen Label verkauft wird: Der Willkommenstrunk. Als Botschafter für eine Willkommenskultur – und als Anstoß für weitere gemeinsame Aktivitäten.

In diesen Tagen richten wir unter der Adresse willkommen-im-wendland.de eine übergeordnete Netzwerkplattform ein, auf der Termine zentral publiziert werden und Gesuche eingestellt werden können.

„Wir schaffen das.“ Liebe deutsche Mitbürger, ihr seid die Wucht! Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas empfinde, das man als etwas wie Stolz auf mein Land bezeichnen könnte. Eine tiefe Dankbarkeit und Zugehörigkeit. Das gibt umso mehr Kraft, gemeinsam die Ärmel aufzukrempeln. Cheers!

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