Lebensfreude

– das Geschenk der Flüchtlinge an uns

Die letzten Wochen waren turbulent. Sie haben mich erschöpft und glücklich gemacht. Sie haben mir Dutzende Begegnungen über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg beschert. Sie haben mich verändert.

Um 1.400 Flüchtlinge sollen inzwischen in unserem kleinen Landkreis gelandet sein. Sie wurden von vielen Menschen mit offenen Armen empfangen. Mit unserer Initiative http://willkommenstrunk.de haben wir in verschiedenen Erntegruppen gemeinsam mit etwa 80 geflüchteten Menschen Äpfel und Birnen geerntet, mit Männern, Frauen und Kindern. Mein Kopf schwirrt von Bildern, in denen die Ereignisse dieser Tage zu Momentaufnahmen geronnen sind, die mir unter die Haut gehen.

Das Bild dieses Herbstes sind für mich die bebenden Baumkronen, aus denen Äpfel regnen, herabgeschüttelt von wagemutigen Kletterern, während die Untenstehenden anfeuernd johlen und lachen. Und dann das emsige Sammeln, das gemeinsame in Säcke füllen der leuchtenden Schätze, fröhliche Blicke vor dem apfelberggefüllten Hänger.

Das Bild des alten Mannes, der mich strahlend von seinem Teller füttert und der jungen Frau, die mir zwei Falafel zusteckt, weil ich erst zum Buffet kam, als die ersten Schüsseln schon geleert waren.

Das Bild der ausgelassen tanzenden und klatschenden Männer und Frauen, die anmutigen Bewegungen der Menschen, deren ganze Körpersprache Lebenslust und Bewegungsfreude ist. Ein besonders agiler Tänzer in dickem naturweißem Islandpulli, den ich vor wenigen Tagen der Kleiderkammer überantwortet hatte – welch furiose Wiederbelebung!

In hundert Facetten und Variationen die Freude am gemeinsamen Schaffen, das Genießen des Augenblicks, das Teilen des Jetzt. Das Fest des Lebens.

Bevor wir den Schritt taten, auf die Flüchtlinge in der Notunterkunft als Ernteteilnehmer zuzugehen, trieben mich noch gewisse Bedenken um. In Lüchow wurde eine Veranstaltung über den richtigen Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen anberaumt. Wie werden uns diese Menschen wohl gegenübertreten, worauf müssen wir möglicherweise im Austausch achten?

Im Nachhinein muss ich über diese Sorgen lachen. Und staunen. Darüber, dass ich die ganze Zeit von keinem einzigen Menschen ein Wort der Klage hörte. Obwohl ich manchmal Steilvorlagen dazu in vorauseilendem Mitgefühl geboten hatte. Nichts. Da war nur die Freude über den Moment, darüber mit uns in Kontakt zu kommen, miteinander etwas zu tun und ein paar ausgelassene Stunden zu verbringen. Durchleuchtet von Dankbarkeit, in jeder Lachfalte der alten Männer, im sanften Lächeln der Frauen, im beglückenden Lachen der Kinder. Junge Männer boten ihre Hilfe an, wo immer es etwas anzupacken gab. In der Küche schwang ein Ingenieur aus Damaskus das Geschirrtuch, während ich spülte. Medizinerinnen aus Aleppo, Handwerker aus Afghanistan, Künstler aus Palästina – sie alle trugen Hand in Hand und mit Begeisterung zu unserem gemeinsamen Werk und einem angeregten Austausch bei.

Diese Menschen haben sich aufgemacht, ein neues Leben zu beginnen. Und sie haben ein großes Geschenk für uns: Ihre Tatkraft und Lebensfreude. Ihren Wunsch, mit uns in Kontakt zu kommen, sich zu integrieren, unsere Sprache zu lernen, wie vielfach geäußert wurde.

Inmitten dieser hoffnungsfrohen Aufbruchstimmung erinnere ich mich daran: Wir befinden uns gerade mal in Phase eins des Community-Prozesses. Es ist beglückend zu erleben, mit anderen ganz fundamentale Lebensqualitäten zu teilen. Sobald die existenziellsten Bedürfnisse gestillt sind, werden immer persönlichere Bedürfnisse ihren Raum zur Entfaltung einfordern. Auch der kulturelle Hintergrund als kollektives soziales Wesen. Es wird Energie kosten, einander zu verstehen, miteinander Wege und Regeln zu finden, die allen gerecht werden. Und vielleicht müssen wir uns sogar damit abfinden, nicht allen gerecht werden zu können.

Aber mit all der Energie, die wir in diesen Prozess der Integration stecken, wird etwas wachsen, das wieder Energie freisetzt. Die das Zusammenwachsen unterstützt. Und mit dem Austausch und der Zusammenarbeit wächst das Gefühl, dass auch Andersartigkeiten Raum haben können, ohne uns zu bedrohen.

Die Alternative, Grenzzäune zu ziehen, wird dagegen in Folge große Energien binden, diese Grenzen zu verteidigen. Und noch mehr Energie, die sehr unschönen Begleiterscheinungen moralisch zu überdeckeln und umzudeuten. Solange man noch festhalten will an dem Wertekostüm des Abendlandes, das zu verteidigen man doch gerade die Grenzzäune gezogen hat. Eine Falle.

Wie diese Geschichte ausgeht, wissen wir.

Wie wir neue Geschichte schreiben können, haben wir nun Gelegenheit zu erproben.

* * *

Jede Menge bildliche Eindrücke der letzten Wochen: https://www.facebook.com/willkommenstrunk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.